Kommentar

Der vergessene Befehl „Wasser halt“ → kritischer Kommentar

Man könnte meinen, Feuerwehren seien Sammelpunkte höchster Effizienz: strukturierte Abläufe, definierte Befehlswege, klare Einsatztaktik. Doch wer sich regelmäßig Einsatzbilder anschaut – besonders jene, die stolz in sozialen Medien präsentiert werden – erkennt nicht so selten auch eine weniger glanzvolle Realität: Aus Strahlrohren schießen Wasserfahnen in beeindruckender Optik, nur hat der Brandherd davon manchmal herzlich wenig. Die Flammen lodern weiter, während der Strahl irgendwo im irdischen Nirgendwo versickert.

Ein Artikel von Hermann Kollinger aus der Druckausgabe vom Dezember, Ausgabe 6 / 2025.

Einmal offen, immer offen?

Es wirkt bisweilen, als sei das Öffnen eines Strahlrohres ein Naturgesetz: Ist es einmal offen, muss es offen bleiben. „Wasser marsch!“ – und ab dem Moment wird marschiert, als gäbe es kein Zurück. Der Rückwärtsgang im Kopf vieler Trupps scheint blockiert zu sein. „Wasser halt!“? Fehlanzeige. Dabei ist dieser Befehl keineswegs aus der Mode gekommen. Er wird nur zunehmend verdrängt. Von Automatismen. Von Routine. Und, man muss es leider so deutlich sagen, nicht selten auch von fehlendem Mitdenken.

Wasser als Placebo: Hauptsache, es spritzt

Natürlich hat jede Feuerwehrfrau und jeder Feuerwehrmann das Bedürfnis, etwas zu tun. Wer ein Strahlrohr hält, möchte wirken. Und Wasser ist sichtbar. Es ist greifbar. Es ist ein Symbol für Tatkraft. Wer es laufen lässt, hat das Gefühl, aktiv zu sein – auch wenn der Nutzen im konkreten Moment gegen null tendiert.
Nur: Feuerwehr ist kein Showgeschäft, auch wenn‘s hin- und wieder schon so wirken mag. Wasser, das nicht am Brandherd ankommt, löscht nicht. Punkt.

Wir alle kennen die Einsatzbilder, auf denen Löschwasser in großen Mengen an Fassaden herunterläuft, während der Brandherd – gut isoliert oder schlicht verfehlt – unbeeindruckt weiterarbeitet. Das sieht nicht nur unglücklich aus, es zeigt vor allem eines: fehlende Kommunikation und fehlende Selbstkontrolle.

Einsatzleiter alleine kann‘s nicht richten

Ja, der Einsatzleiter hat die taktische Verantwortung. Doch er steht nicht am Strahlrohr. Er sieht nicht jeden Sprühwinkel, nicht jede Abschattung durch Rauch, nicht jede unglücklich gewählte Position. Und selbst wenn: Er hat genug andere Prioritäten, als jeden Angriffstrupp im Detail zu steuern. Deshalb braucht es auch Mannschaft, die denkt statt nur ausführt. Die erkennt, wenn Wasser gerade verpufft. Die versteht, dass ein kurzer Moment des Abstellens kein Versagen, sondern taktische Klugheit ist. Ein Strahlrohr ist kein Gartenschlauch, der aus Prinzip laufen muss, sobald der Hahn aufgedreht wurde. Es ist ein Werkzeug. Und Werkzeuge werden zielgerichtet eingesetzt – oder eben pausiert.

Die Schwierigkeit vom „Wasser halt“

Warum ist „Wasser halt“ so schwer? Es gibt vielleicht mehrere Gründe:

  • Übung macht… Automatismen: Viele Übungssituationen sind so aufgebaut, dass „Wasser marsch“ gleichbedeutend mit „bis Übungsende durchhalten“ ist. Das prägt.
  • Aktivitätsdruck: Wer abschaltet, hat Angst, untätig zu wirken.
  • Traditionen: In manchen Köpfen gilt: Wasser geben ist, Feuer löschen. Ende. Dass moderne Brandbekämpfung komplexer ist, wird darüber vergessen.
  • Fehlendes Selbstbewusstsein: Nicht wenige Feuerwehrleute trauen sich schlicht nicht, selbstständig den Wasserfluss zu stoppen – aus Sorge, dies könne als Verstoß gegen Befehlskette gewertet werden.

All das führt dazu, dass „Wasser halt“ zu einem beinahe exotischen Befehl geworden ist. Dabei wäre er ein Zeichen von Professionalität.

Plädoyer für die Rückkehr von „WASSER HALT“

Wir müssen uns klar machen: Der sinnvolle Einsatz von Löschwasser ist nicht nur eine Frage der Taktik: zusätzliche Wasserschäden, erhöhtes Einsatzgewicht, noch mehr Pumpenlast und mehr Nacharbeit. Ein kurzer Moment Stille im Strahlrohr ist kein Rückschritt. Es ist Kontrolle. Es ist Reflexion. Es ist Taktik. Vielleicht bräuchten wir den Mut, diesen einfachen Satz wieder öfter auszusprechen – laut oder im Kopf: „Wasser halt!“ Nicht, um weniger zu löschen, sondern um besser zu löschen.
Denn wahre Professionalität zeigt sich nicht darin, wie viel Wasser im Einsatz landet, sondern wo es landet – und ob es dort etwas bewirkt.

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