POV: Machen wir uns nicht zum Deppen → Nicht jeder Klick ist ein Treffer
Wir wollen als Einsatzorganisation ernst genommen werden. Gleichzeitig liefern manche Feuerwehren in sozialen Netzwerken selbst jene Bilder, die diesem Anspruch entgegenstehen. Humor gehört zum Feuerwehrleben – die freiwillige Selbstverblödung für ein paar Sekunden Aufmerksamkeit jedoch nicht.
Ein Kommentar von Hermann Kollinger, Printausgabe 4/2026 (August)
In der letzten Ausgabe ging es an dieser Stelle um Festwerbung, Bier und die Frage, welches Bild wir von der Feuerwehr eigentlich selbst nach außen tragen (siehe Beitrag „Bierclub Feuerwehr“ – wenn wir das Klischee selbst nähren und das Image untergraben). Man könnte meinen, das Thema wäre damit abgehandelt. Ist es aber nicht. Denn während das Bierfass zumindest irgendwann leer ist, produziert der Algorithmus unermüdlich neue Ideen. Oder zumindest das, was heute als Idee durchgeht.

POV (POV ist die englische Abkürzung für „Point of View“ und bedeutet auf Deutsch „Sichtweise“, „Standpunkt“ oder „Perspektive“): Der Gruppenkommandant sagt dieses. POV: Der Maschinist macht jenes. POV: Wenn um drei Uhr früh der Pager geht. Dazu ein Feuerwehrmitglied, das absichtlich möglichst dämlich in die Kamera schaut, ein zweites, das aus irgendeiner Ecke springt und ein drittes, das in Einsatzbekleidung einen Tanz aufführt, der vermutlich lustiger wäre, wenn man ihn nicht schon bei 400 anderen Accounts gesehen hätte. Die Klickzahlen steigen. Die Frage ist nur: Wofür eigentlich? Ich erreiche meinetwegen Feuerwehrleute aus aller Welt, aber nicht wirklich die Bevölkerung, die das System über Spenden und Steuern grundsätzlich finanziert.
Wir wollen ernst genommen werden
Wenn es um Ausrüstung, Budgets, Feuerwehrhäuser oder die öffentliche Wahrnehmung geht, pochen wir auf unsere Bedeutung. Wir sind keine Freizeitgruppe, die zufällig rote Autos mit Blaulicht besitzt. Feuerwehren übernehmen Verantwortung. Sie rücken aus, wenn Hilfe benötigt wird, arbeiten unter Zeitdruck, treffen Entscheidungen und bewältigen Situationen, in denen Fehler schwere Folgen haben können. Wir wollen als kompetent, verlässlich und professionell wahrgenommen werden. Ebenso wünschen wir uns Anerkennung durch Politik, Bevölkerung und Medien.
Samtags die Deppen, Montag todernst
Diese Seriosität lässt sich allerdings nicht einfach bei Bedarf einschalten. Am Samstagabend verbreiten wir ein Video, in dem wir uns in Uniform zum Deppen machen und am Montag erwarten wir, dass dieselben Menschen unsere fachlichen Argumente mit größtem Ernst verfolgen. Das kann funktionieren – muss aber nicht. Öffentlichkeitsarbeit beginnt nicht erst bei der Presseaussendung nach dem Einsatz. Sie findet auch dort statt, wo ein Feuerwehrlogo, ein Fahrzeug oder Einsatzbekleidung in einem vermeintlich lustigen Reel auftauchen.

Humor ist nicht das Problem
Nicht falsch verstehen: Natürlich darf Feuerwehr lustig sein. Sie muss es sogar bis zu einem gewissen Grad sein. Wer viele Stunden miteinander verbringt, gemeinsam übt, arbeitet und belastende Einsätze bewältigt, braucht Kameradschaft, Schmäh und die Fähigkeit, miteinander zu lachen.
Auch in der Öffentlichkeitsarbeit ist Humor keineswegs verboten. Ein gut gemachtes Video kann sympathisch wirken, Nähe schaffen und zeigen, dass unter dem Helm Menschen stecken. Man darf über typische Eigenheiten des Feuerwehralltags schmunzeln. Man darf Klischees aufgreifen und sich gelegentlich selbst auf die Schaufel nehmen. Entscheidend ist jedoch, ob man sich selbst auf die Schaufel nimmt – oder gleich damit erschlägt. Zwischen einem augenzwinkernden Beitrag und öffentlich zelebrierter Blödheit liegt ein Unterschied. Nicht jedes verzerrte Gesicht ist eine Pointe. Nicht jede nachgespielte Tollpatschigkeit ist originell. Und nicht jedes Video wird dadurch gut, dass darüber „POV“ steht und gerade ein passender Ton im Trend liegt.
Der Algorithmus kennt keine Würde
Soziale Netzwerke belohnen Übertreibung. Wer lauter, schriller und einfältiger auftritt, erhält häufig mehr Aufmerksamkeit. Der Algorithmus fragt nicht, ob ein Beitrag dem Ansehen einer Feuerwehr nützt. Er misst, ob jemand hängen bleibt, reagiert oder das Video weiterleitet. Dabei kann ein Beitrag auch deshalb Reichweite erzielen, weil sich Menschen darüber lustig machen. Ein Klick ist schließlich noch kein Zeichen von Anerkennung. Und Reichweite allein ist noch keine erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit.
Was nützen einer Feuerwehr 100.000 Aufrufe, wenn danach vor allem das Bild einiger herumalbernder Gestalten in Einsatzbekleidung zurückbleibt? Welchen Wert haben tausend Likes, wenn der Inhalt weder über Aufgaben informiert noch Vertrauen schafft, Mitglieder anspricht oder das Verständnis für die Feuerwehr verbessert? Das sind Klicks. Mehr nicht. Manche Feuerwehren scheinen jedoch jede Reichweite automatisch als Erfolg zu betrachten. Hauptsache, die Kurve zeigt nach oben. Ob man sich dabei selbst kleiner macht, als man ist, wird kaum hinterfragt.
Die Uniform spielt immer mit
Wer ein albernes Video privat veröffentlicht, muss dessen Wirkung selbst beurteilen. Sobald dabei jedoch Feuerwehrbekleidung, ein Einsatzfahrzeug, das Feuerwehrhaus oder das offizielle Benutzerkonto der Organisation verwendet werden, ist es nicht mehr ausschließlich Privatsache. Die Uniform verleiht dem Video einen Absender. Das Publikum unterscheidet nicht immer zwischen einem einzelnen Mitglied, einer lustigen Idee innerhalb der Gruppe und der offiziellen Haltung der Feuerwehr. Es sieht das Wappen, den Schriftzug und das Fahrzeug – und verbindet den Inhalt mit der Organisation.

Intern kennt man die Beteiligten. Man weiß, dass der Kollege im Video im Ernstfall ein hervorragender Atemschutzgeräteträger ist, die Kameradin fachlich sattelfest arbeitet und beide nach einem belastenden Einsatz sofort zur Stelle wären. Außenstehende wissen das nicht. Sie sehen nur jene 15 Sekunden, die wir ihnen zeigen. Und manchmal sind das ausgerechnet unsere dümmsten 15 Sekunden.
Modern bedeutet nicht, jeden Trend zu folgen
Häufig wird erklärt, solche Videos seien moderne Mitgliederwerbung. Man müsse eben dorthin, wo sich junge Menschen aufhalten, und dürfe nicht altmodisch auftreten. Das stimmt. Nur bedeutet moderne Kommunikation nicht automatisch, jedem Trend hinterherzulaufen. Junge Menschen lassen sich durchaus für Technik, Gemeinschaft, Ausbildung und sinnvolle Aufgaben begeistern. Man kann Übungen lebendig zeigen, Einsatzfahrzeuge interessant erklären, Mitglieder humorvoll vorstellen oder kleine Einblicke hinter die Kulissen geben. Dafür muss niemand regungslos vor einer Fahne stehen und einen Festvortrag halten.
Aber Mitgliederwerbung sollte vermitteln, wofür eine Organisation steht. Wer ausschließlich Blödsinn zeigt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende vor allem Menschen angesprochen werden, die beim nächsten Blödsinn dabei sein wollen. Die Feuerwehr bietet genug echte Geschichten. Man muss sie nur erzählen können.
Blick von außen
Vor dem Veröffentlichen könnte eine einfache Frage helfen: Würden wir es bei einer Besprechung mit der Gemeinde abspielen? Würden wir es verwenden, um Eltern zu erklären, weshalb ihre Kinder bei der Feuerwehrjugend gut aufgehoben sind? Nicht jeder Beitrag muss diesen Personengruppen gefallen. Aber wenn uns bei der Vorstellung bereits etwas unwohl wird, ist das vielleicht ein Hinweis.
Ebenso hilfreich wäre gelegentlich der Blick eines Menschen, der nicht in der eigenen Feuerwehrblase lebt. Was intern für großes Gelächter sorgt, kann nach außen peinlich, kindisch oder schlicht unverständlich wirken. Der Satz „Bei uns wissen eh alle, wie es gemeint ist“ hilft wenig, wenn das Video öffentlich abrufbar ist. Dort sehen es eben nicht nur „alle bei uns“.

Seriosität kann man verspielen
Vertrauen entsteht über Jahre. Ein einzelnes schlechtes Video wird dieses Vertrauen nicht zerstören. Viele solcher Beiträge können das Bild jedoch langsam verschieben. Feuerwehr darf lachen, feiern und sich sympathisch zeigen. Aber sie sollte wissen, wann der Schmäh aufhört und die Selbstbeschädigung beginnt.
Denn wer ständig betont, dass die Feuerwehr kein Kasperlverein ist, sollte nicht ausgerechnet auf dem offiziellen Kanal den Gegenbeweis antreten. Nicht jeder Trend muss mitgemacht, nicht jede sogenannte Challenge übernommen werden.
Manchmal ist der professionellste Beitrag jener, den man nach dem Ansehen wieder löscht.
Humor macht eine Feuerwehr menschlich. Lächerlichkeit macht sie nur lächerlich. Und wer nach außen als seriöse Einsatzorganisation wahrgenommen werden möchte, sollte sich auf der Jagd nach ein paar nutzlosen Klicks nicht freiwillig zum Deppen machen. Und nein, das hat nichts mit altbacken, sondern mit Vernunft zu tun. Und der Klick aus aller Welt bringt sich auf lokaler Ebene keinen einzigen Meter weiter.
Passend dazu: „Bierclub Feuerwehr“ – wenn wir das Klischee selbst nähren und das Image untergraben


